11.09.2013

Hauptdarsteller: kleines Monster

11.09.2013

Hauptdarsteller: kleines Monster

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Lange Ohren, zwei kleine Hörner, große Augen und ein schiefes Grinsen. Das kleine Monster, das in vielen meiner Bilder vorkommt, ist der Inbegriff des kindlichen Schalks in mir. Und es ist das Element, das meine minimalistischen Bilder zu einer Geschichte werden lässt. In der Kiste voll Erdbeeren fehlt mittendrin eine einzige und das Monster sitzt mit rot verschmiertem Mund daneben. I didn’t do it.

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Eines Tages fragte mich mein Sohn Anton, ob es wohl möglich sei, auf einem Eiswürfel Schlittschuh zu laufen. Das ist es sicherlich, wenn der Eiswürfel entweder sehr groß ist oder du sehr klein bist, lautete meine Antwort für ihn. Und noch während ich das sagte, entstand in meinem Kopf das Bild von einer kleinen, einfachen Figur, die mit Schlittschuhen an den Füßen auf einem Eiswürfel steht. Die Umsetzung dieser Idee war dann allerdings etwas nervenaufreibend. Noch während ich fotografierte, schmolzen die Eiswürfel, die Farbe des Tintenschreibers verlief und das Papier wurde durch die Feuchtigkeit wellig. Mein gewohntes exaktes Plazieren der Objekte und das Ausprobieren und Kontrollieren wurden zu einem Wettlauf mit der Zeit. Letztendlich hat alles geklappt, es scheint möglich zu sein, auf einem Eiswürfel Schlittschuh zu laufen, aber ich weiß auch, dass ich nie wieder ein Foto mit so einem Objekt machen werde.

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Ich halte mich lieber an Spielzeugautos, Grünlilien, Blüten vom Gartenjasmin oder Rosinenbrot. Die sind geduldig mit mir, halten still und lassen sich solange umarrangieren, bis ich zufrieden mit dem Ergebnis bin.

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Das kleine Monster pickt sich alle Rosinen aus dem Brot (und schaut dabei ganz schuldbewusst) – die Beziehung zu allem Essbaren ist eine ganz besondere. Hat meine Tochter einen Schokoladenkuchen gebacken, läuft das kleinen Monster die Gabel hinauf zum Teller. Es kommt mit einem Löffel angerannt, um etwas von dem gelbstgemachten Bananeneis abzubekommen, hat heimlich vom Nutellaglas gefuttert, holt sich extra eine kleine Leiter, um an die letzte Kirsche zu gelangen und futtert mit weit aufgerissenem Monstermaul Walderdbeeren aus meinem Garten. Sobald es etwas zu Naschen gibt, ist das kleine Monster immer ganz vorne mit dabei.

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Ich bin Lehrerin und keine Illustratorin. Obwohl ich weiß, dass ich eigentlich nicht zeichnen kann, mache ich es trotzdem und lasse mich besonders bei meinen Arbeiten mit dem kleinen Monster immer wieder an die Grenzen meiner zeichnerischen Fähigkeiten bringen. Ich habe das klare Bild von einem fliegenden Monster in Form von Superman im Kopf: der eine Arm nach vorne gestreckt und auf dem Rücken flattert ein Umhang. Perspektive, Seitenansicht und Proportionen, wie setze ich das bloß in einer simplen Stichmännchenzeichnung um, die nur aus einem Kreis und vier Strichen für Arme und Beine besteht? Genauso auch die Gesichtsausdrücke: Was für ein Gesicht hat man eigentlich, wenn man unter einer kalten Dusche steht, etwas Schweres zu ziehen hat oder beeindruckt vor einem riesengroßen Pferd steht?

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Ich übe ständig, brauche nicht selten mehrere Anläufe, bis ich zufrieden bin, und ganz nebenbei verändert sich das kleine Wesen immer weiter mit meinen Möglichkeiten und Fähigkeiten. Mal hat es Hörner, mal Haare, mal kommt es allein und mal gleich zu siebt. Und manchmal habe ich den Eindruck, dass so mit der Zeit ein richtiger eigener Charakter entsteht, immer irgendwie anders, aber doch immer kleines Monster.

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Kerstin Hiestermann
spielkkind.de
instagram.com/khiesti

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