05.02.2014

Die Welt in einer App

05.02.2014

Die Welt in einer App

Weshalb mich Instagram fasziniert.

Bei Instagram habe ich mich in der ersten Woche nach dem Start der App angemeldet. Ich wollte Freunden meine Fotos zeigen. Die damaligen Fotonetzwerke waren aus meiner Sicht unbrauchbar. Ich spreche vom Jahr 2010: Flickr hatte eine komplizierte App, Facebook keine gute Fotofunktion und Twitter war für Worte. Überhaupt: Was interessieren sich meine unterschiedlichen Freunde für meine Fotos, noch dazu, für iPhone-Fotos im Hipstamatic-Look. Ich wollte eine App, die einfach zu bedienen ist. Eben das leistete Instagram.

Über Instagram vernetzten sich schnell Fotografen auf der ganzen Welt. Wie Kevin Systrom, einer der Gründer von Instagram, im Gespräch erzählte, war er selbst fasziniert davon, wie international schon die ersten Nutzer waren. Vielleicht ist ihm damals schon klar gewesen, dass eine solche internationale Nutzergemeinde viel Erfolg bedeuten könnte.

Was bekam man zu sehen, wenn man Ende 2010 die App öffnete? Von Anfang an war ich fasziniert vom alltäglichen Leben, das die Fotos aus aller Welt zeigten und zeigen: Kinder werden in Brasilien und Schweden geboren und ich schaue zu, wie sie aufwachsen. Eine Japanerin zeigt ihre schönen Katzen. Es war nichts anderes als das, was die meisten Nutzer auf Instagram auch heute zeigen. Nur war es damals intimer, denn es waren längst nicht so viele Nutzer aktiv wie heute. Viele der ersten Nutzer waren Twitterer bzw. Blogger, die Instagram so nutzten wie die anderen Sozialen Netzwerke. Sie erzählten von ihren Alltäglichkeiten und bebilderten diese.

Bis ich Instagram für mich entdeckte, hatte ich weder getwittert noch gebloggt. Ich fotografiere aber schon seit meiner Kindheit. Und seit ich mir ein iPhone 4 gekauft hatte, fotografierte ich fast nur noch damit. Das iPhone war schnell, immer griffbereit und bot interessante Bearbeitungsmöglichkeiten. Zunächst nutzte ich nur die Hipstamatic-App, bei der sich die Bearbeitung auf die Wahl der Film-Linsen-Kombination beschränkte. Dann kamen (und gingen) andere Apps.

Vieles hat sich seit den Anfangstagen von Instagram geändert: Die Anzahl von Usern ist inzwischen sehr hoch, viele Accounts und deren Fotos sind professioneller geworden und die wirtschaftlichen Interessen der Beteiligten sind nicht zu übersehen. Was geblieben ist, sind die vielen online- und offline-Freundschaften, die mithilfe von Instagram entstehen.

Oft bleibt es nicht bei den „Online-Bekanntschaften“. Wir Instagrammer treffen uns „offline“ bei sogenannten Instawalks. Die Motive der einzelnen User sich zu treffen sind sehr unterschiedlich: manche wollen einfach einen Kaffee trinken, einige möchten gleichgesinnte Fotografen treffen, andere wollen auch sehen, wie man es anstellt, nur mit einem iPhone (oder einem Smartphone) solche Fotos zu machen. Kennzeichnend für alle diese Treffen ist, dass kein Zwang besteht, sich wieder treffen zu müssen oder weitreichendere Beziehungen einzugehen. Für mich sind ein paar dieser Walks besonders wichtig. Bei einigen traf ich Instagrammer, mit denen ich tatsächlich gemeinsam fotografierte und Motiven nachjagte. So traf ich in London Ido, den ich schon aus Tel Aviv kannte. Er kam mit seinem Hund Izo, der auch einen Instagram-Account hat (http://instagram.com/theizotimes). Izo ist Idos Alter Ego, wie Ido sagt. Die Passanten schauen auf Izo und Ido macht die Fotos – von den Passanten und von Izo. Izo ist dann auch immer ein Türöffner und Ablenker. Für mich haben beide für eines meiner Gegenlichtfotos posiert.

Ido gewinnt mit dem Geburtstagsvideo für Izo das 15secfilmfestival in der Kategorie „funniest video“. Izo bekommt einen Kuchen zum Geburtstag und zwar in seinem Lieblingscafé. Für mich posierte er vor Streetart.

Wenn sich Instagrammer treffen, fangen sie nach einer gewissen Zeit zu springen an. Warum nur? Auf Instagram-Fotos wird generell viel gesprungen. Liegt es an den Sprung-Genen von Instagrammern? Oder ist es einfach ein Nachahmungsreflex? Wahrscheinlich müssen wir gar nicht Psychologen und deren Studien zur Synchronisierung menschlichen Verhaltens heranziehen. Vielleicht liegt es einfach nur daran, dass man mit Smartphones leicht und effektvoll Sprünge aufnehmen kann. Die Kamera kann sehr tief gehalten werden. Selbst müde Sprünge sehen aus, als sei der Aufgenommene mehrere Meter hoch gesprungen. Beliebt sind Sprünge im Gegenlicht, so dass die Silhouette sich vor möglichst blauen Himmel abzeichnet. Ido sprang für mich hier vor einer Wand mit Graffiti. Mir war dabei die Beziehung zwischen Drache und Ido wichtig.

Der Walk mit Ido war besonders, weil wir gemeinsam losgezogen sind und dabei immer den besten Winkel gesucht haben und dem besten Zeitpunkt zum Auslösen unserer iPhones nachgejagt sind. Es ärgerte ihn, wenn ich einen perfekten „strideby“ hinbekam und er nicht. Izo musste immer richtig, d. h. in die Linse schauen, damit Ido zufrieden mit einem Foto war. Wie schon im alten Hafen von Jaffa im Jahr davor stachelt er sein Model, damals waren es Jugendliche, die ins Wasser sprangen, zu immer neuen Höchstleistungen an. Deshalb waren wir wohl auch nach zwei Stunden intensivem Fotografieren erschöpft.

Eines meiner Lieblingsfotos von diesem Tag, als ich Ido traf, zeigt eine jungen Frau, die durch London läuft. Ich habe sie von der Seite fotografiert. Im Hintergrund fährt ein Doppeldeckerbus. Die ganze Szene ist gerahmt durch eine verklinkerte Hausdurchfahrt, in der sich der Bus spiegelt.

Bilder aus aller Welt und das Treffen von Instagrammern sind nicht die einzigen Gründe, weshalb ich so fasziniert von Instagram bin. Aber es sind nicht die unwichtigsten Gründe.

Jörg Nicht

Er lebt in Berlin und fotografiert seit seinem 12. Lebensjahr. Inzwischen hat er mehr als 270.000 Follower auf Instagram.

Instagram: www.instagram.com/jn
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