16.07.2015

Wie sich Orte ändern – wie sich mein Blick verändert

16.07.2015

Wie sich Orte ändern – wie sich mein Blick verändert

Triest ist eine italienische Hafenstadt mit einer bewegten Geschichte. Als ich zum zweiten Mal dorthin reise, werde ich mehrfach gefragt, ob ich zum ersten Mal in der Stadt sei. Als ich antworte, ich sei bereits zum zweiten Mal hier, nickt man mir verständnisvoll zu. Doch nicht alle, die mich fragen, halten das für selbstverständlich. Wer verirrt sich schon in diese Stadt, fragen mich manche. Tatsächlich scheint Triest etwas abseits zu liegen – zumindest an der Peripherie Italiens. Und das nur 150 Kilometer entfernte Venedig zieht alle Blicke auf sich. Auch als ich das erste Mal in Triest war, machte ich einen Abstecher von Venedig aus.

Warum wollte ich Triest besuchen? Ich kannte die Stadt zum Beispiel von den Fotos von Raffaele Cavicchi (www.instagram.com/ralfmalf), den ich bei meinem ersten Besuch dort auch traf. Raffaele gab mir eine private Stadtführung. Es war ein etwas kühler Tag im März. Ich fotografierte ihn, wie er für mich über die Straße ging. Wer meine Fotos kennt, kennt dieses Motiv des sich bewegenden Menschen in einem städtischen Raum. Die Tiefe erzeuge ich dabei mithilfe von Linien.

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Raffaele

Das Motiv taucht bis heute in meinen Fotos auf. Auch auf meiner letzten Reise nach Triest habe ich ein solches Fotos gemacht, allerdings in einem anderen Stadtteil.

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Straßenquerung

Zu sehen ist eine Frau mit ihren Hunden. Nach wie vor geht es mir um Bewegung, um Mobilität und die Dynamik des urbanen Lebens. Mein zweiter Triest-Besuch fand im Hochsommer statt, was sich auch auf den Fotos widerspiegelt: Es sind viel mehr Menschen unterwegs als im März. Auf dem zentralen Platz der Einheit finden Popkonzerte statt. Und ich bin zu einem internationalen Fashion Contest eingeladen mit Gästen aus der ganzen Welt. Das ist ganz anders als bei meinem ersten Besuch, als außer ein paar österreichischen und deutschen Touristen niemand die Stadt zu besuchen schien. Jetzt waren viele Besucher da, zum Beispiel aus Asien.

Was mich an Triest besonders fasziniert, ist seine geographische Lage: direkt an Meer an einer malerischen Bucht. Hinzu kommt der politische Aspekt, denn je nach Blickwinkel liegt die Stadt ganz am Rande (wenn der Maßstab Italien ist) oder ziemlich zentral (wenn man auf Europa schaut). Diese Spannung ist mir merkwürdig vertraut aus meiner Heimat: Bei allen Unterschieden zu Görlitz, einer Stadt in Deutschland an der Grenze zu Polen, eint beide Städte ihre Lage zwischen Peripherie und Zentrum, zwischen Ost- und Westeuropa. Triest war einst die wichtigste Hafenstadt in Österreich-Ungarn. Die große Vergangenheit der Stadt kann man an vielen Stellen sehen. Und man spürt eine Sehnsucht nach Ferne.

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In die Ferne schweift der Blick

Die Triester sagen, in der Stadt wohnen viele alte Menschen. Bei meinem ersten Besuch bin ich zwei alten Herren begegnet, die im Hafen angelten. Ehrlich gesagt hatte ich sie schon vergessen. Sie fielen mir erst wieder ein, als ich die Fotos für diesen Blogpost heraussuchte. Viel lebendiger waren meine Erinnerungen an den Spaziergang mit Raffaele. Als ich nun vor kurzem wieder in Triest war, konnte ich mich sehr genau an einzelne Orte und Straßen erinnern.

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Spiegelung

Oft frage ich mich, wie sich mein Blick dadurch verändert, dass ich auf meinen Reisen Fotos mache. Wie würde ich die Städte sehen, wenn ich sie nicht fotografierte? Manchmal fragt man mich, ob ich eine Reise noch genießen könne, wenn ich permanent Fotos mache. Diese Frage richtet sich nicht nur an mich und ist auch nicht ganz neu. Aber sie hat an Bedeutung gewonnen, seit Millionen Menschen mit ihren Smartphones Fotos machen, diese Fotos in Sozialen Netzwerken teilen und so die Welt fotografisch kartieren. Für mich bedeutet das Reisen mit dem Fotoapparat eine bestimmte Art des Sehens. Ich schaue genau hin – oder ich versuche es zumindest. Um ein Foto zu machen, bleibe ich hier und da stehen, gehe Umwege oder lasse mich ganz einfach treiben. Vielleicht ist das die Art, wie ich die Welt erfahre.

Bei meinem zweiten Besuch in Triest hatte ich ein kleines Déjà-Vu: Als ich am ersten Morgen aus dem Hotel auf die Straße trete, erinnere ich mich an eine Italienreise vor fünfzehn Jahren, die ich fast zur gleichen Zeit unternahm. Die Reise damals führte mich nach Sizilien. Aber es war wohl das gleiche Licht, das mich beeindruckte. Mittags ist es ungnädig hell und für Fotos gänzlich ungeeignet, wie ich finde. Abends wird es mild und sanft.

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Abendstimmung

Jörg Nicht 

Er lebt in Berlin und fotografiert seit seinem 12. Lebensjahr. Inzwischen hat er mehr ca. 500.000 Follower auf Instagram.

Instagram: www.instagram.com/jn
EyeEm: www.eyeem.com/jn_
Flickr: www.flickr.com/jn_insta
Homepage: www.joergnicht.com

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